Künstliche Intelligenz ist in der Ausbildung kein Zukunftsthema mehr. Sie wird bereits genutzt. Die eigentliche Aufgabe für Ausbilderinnen und Ausbilder lautet deshalb nicht, ob sie KI erlauben. Sie müssen klären, wofür Lernende sie verwenden dürfen, wie Ergebnisse geprüft werden und welche Fähigkeiten trotz KI selbst aufgebaut werden müssen.
Was die neuen BIBB-Daten zeigen
Der Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2026 behandelt künstliche Intelligenz erstmals als Schwerpunktthema. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) betrachtet dabei den gesamten Weg von der Berufsorientierung über die Ausbildung bis zur Erwerbstätigkeit und Weiterbildung.
Das BIBB-Qualifizierungspanel zeigt seit 2022 einen deutlichen Anstieg der KI-Nutzung in deutschen Betrieben. Betriebe, die aus- oder weiterbilden, nutzen KI überdurchschnittlich häufig. Eine weitere Befragung zeigt zugleich ein Steuerungsproblem: Nur 40 Prozent der erfassten KI-Nutzung waren offiziell durch den Betrieb eingeführt. Der Wert bezieht sich auf Beschäftigte und nicht nur auf AuszubildendeAuszubildenderEin Auszubildender ist eine Person, die aufgrund eines Berufsausbildungsvertrags ausgebildet wird und berufliche Handlungsfähigkeit erwirbt.Im Lexikon öffnen →. Er zeigt trotzdem, warum ein bloßes Verbot wenig Orientierung bietet.
Für die Ausbildungspraxis ist eine BIBB-Onlinebefragung unter 246 Ausbildungsverantwortlichen besonders interessant. Die Befragten nahmen bei der Nutzung von KI eher Verbesserungen der Selbstorganisation und fachlicher Fähigkeiten wahr. Als Herausforderungen nannten sie kritisches Denken und Falschinformationen. Die Befragung beweist nicht, dass KI den Lernerfolg generell erhöht. Sie zeigt aber zwei Aufgaben, die gemeinsam gelöst werden müssen: KI produktiv einsetzen und ihre Ergebnisse fachlich prüfen.
Die drei genannten Datensätze beantworten dabei verschiedene Fragen. Das Qualifizierungspanel betrachtet Betriebe. Die DiWaBe-2.0-Angabe bezieht sich auf Beschäftigte. Die Onlinebefragung erfasst Einschätzungen von Ausbildungsverantwortlichen. Zusammen zeigen sie eine Entwicklung, aber keine einheitliche Wirkung für alle Auszubildenden und Berufe.
Die zentrale Kompetenz ist nicht das Prompten
Ein guter Prompt kann Zeit sparen. Er verhindert aber keine falsche Antwort. Für Auszubildende wird deshalb die Fähigkeit wichtiger, ein Ergebnis an einer Norm, einer Berechnung, einer Arbeitsanweisung oder einem realen Werkstück zu prüfen.
Ein Beispiel: Eine Auszubildende lässt sich von einem KI-System einen Ablauf für eine Kundenreklamation erstellen. Der Text klingt plausibel. Er nennt aber eine falsche Frist. Der Lerngewinn entsteht erst, wenn die Auszubildende die Frist in der maßgeblichen Quelle prüft, den Fehler begründet und den Ablauf korrigiert.
Die KI übernimmt in diesem Fall einen Entwurf. Die Auszubildende übernimmt die fachliche Verantwortung. Diese Trennung sollte in jeder Lernaufgabe sichtbar sein.
Das verändert auch die Rolle der Ausbildungsperson. Sie bewertet nicht nur das fertige Ergebnis. Sie macht den Weg dorthin sichtbar: Welche Quelle wurde geprüft? Welche Entscheidung hat die lernende Person selbst getroffen? Welcher Fehler wurde erkannt und wie wurde er korrigiert?
Vier Regeln für den Ausbildungsalltag
1. Den erlaubten Einsatz benennen
Eine Aufgabe muss sagen, ob KI erlaubt ist und wofür. Mögliche Regeln sind:
- KI darf Ideen oder eine erste Gliederung liefern.
- Personenbezogene und vertrauliche Daten dürfen nicht eingegeben werden.
- Verwendete Werkzeuge und wichtige Eingaben werden dokumentiert.
- Jede fachliche Aussage wird an einer zulässigen Quelle geprüft.
Eine allgemeine Aufforderung wie “Nutze KI verantwortungsvoll” reicht nicht. Lernende brauchen eine Regel, die sie bei der konkreten Aufgabe anwenden können.
2. Den eigenen Anteil prüfbar machen
Eine fertige Antwort zeigt nicht, ob die Auszubildende den Inhalt verstanden hat. Bitte sie deshalb zusätzlich, eine Entscheidung zu begründen, einen Fehler zu finden oder den Lösungsweg mündlich zu erklären. So prüfst du nicht die Schreibqualität des Systems, sondern die berufliche HandlungskompetenzHandlungskompetenzBerufliche Handlungskompetenz bedeutet, berufliche Situationen fachlich richtig, selbstständig und sozial verantwortlich bewältigen zu können.Im Lexikon öffnen →.
3. Fehler bewusst einplanen
KI-Ergebnisse sollten nicht nur übernommen und anschließend kontrolliert werden. Ausbilder können fehlerhafte oder unvollständige Antworten gezielt als Lernmaterial verwenden. Die Aufgabe lautet dann zum Beispiel: “Prüfe diesen Ablauf. Markiere drei Risiken und verbessere ihn mit Hilfe der betrieblichen Arbeitsanweisung.”
Damit wird Quellenprüfung zu einem sichtbaren Teil der Lernaufgabe.
4. Betriebliche Regeln gemeinsam klären
Ausbilderinnen und Ausbilder können Datenschutz, Informationssicherheit und Zugriffsrechte nicht allein festlegen. Kläre mit den zuständigen Stellen im Betrieb, welche Systeme freigegeben sind und welche Daten sie verarbeiten dürfen. Übersetze diese Vorgaben anschließend in kurze Regeln für die Ausbildung.
Eine Lernaufgabe in drei Phasen aufbauen
Eine KI-gestützte Aufgabe wird verständlicher, wenn Entwurf, Prüfung und Reflexion getrennt sind.
- Entwurf: Die auszubildende Person nutzt das freigegebene System für eine Ideensammlung oder einen ersten Ablauf.
- Prüfung: Sie vergleicht das Ergebnis mit einer betrieblichen Arbeitsanweisung, einer Norm oder einer anderen zulässigen Quelle.
- Reflexion: Sie kennzeichnet Änderungen und begründet, warum die eigene Fassung fachlich tragfähiger ist.
So bleibt erkennbar, was das Werkzeug beigetragen hat und welche berufliche Handlung die auszubildende Person selbst beherrscht. Für eine einfachere Lernstufe kann die Ausbildungsperson die Quellen vorgeben. Fortgeschrittene Lernende können zusätzlich begründen, welche Quelle für die Prüfung geeignet ist.
Ben lässt einen Ablauf für die Annahme einer Warenlieferung erstellen. Er vergleicht jeden Schritt mit der betrieblichen Prüfanweisung. Dabei findet er eine fehlende Sichtkontrolle und eine unpassende Dokumentation. Im Gespräch erklärt Ben beide Änderungen. Bewertet werden nicht die Formulierungen des KI-Systems, sondern seine Prüfung und seine fachliche Begründung.
Ergebnisse fair beurteilen
Wenn KI erlaubt ist, sollte das Bewertungskriterium zum erlaubten Einsatz passen. Eine sprachlich glatte Antwort ist dann kein ausreichender Nachweis. Geeigneter sind Kriterien wie fachliche Richtigkeit, Quellenprüfung, Begründung, Übertragung auf den Betrieb und erkennbare Korrektur eines Fehlers.
Für vergleichbare Bedingungen brauchen alle Lernenden dieselbe Information: welches Werkzeug erlaubt ist, welche Daten tabu sind, welche Arbeitsschritte dokumentiert werden und welcher eigene Anteil erwartet wird. Ändern sich diese Regeln, sollte die Ausbildungsperson sie vor der nächsten Aufgabe gemeinsam besprechen.
Was das mit der AEVO zu tun hat
Die AEVOAEVOAEVO steht für Ausbilder-Eignungsverordnung. Sie regelt, welche berufs- und arbeitspädagogischen Kompetenzen verantwortliche Ausbilderinnen und Ausbilder nachweisen müssen.Im Lexikon öffnen → verlangt keine Prüfung in der Bedienung eines bestimmten KI-Werkzeugs. Ihre Handlungsfelder betreffen aber die Planung, Durchführung und Kontrolle von Lernprozessen. Genau dort verändert KI die Entscheidungen des Ausbildungspersonals.
Wer eine Ausbildung durchführt, muss Lernaufgaben passend gestalten, Lernfortschritt erkennen und Rückmeldungen geben. Bei einer KI-gestützten Aufgabe kommt eine zusätzliche Frage hinzu: Zeigt das Ergebnis die Kompetenz des Lernenden oder nur die Leistung des Werkzeugs?
Was noch offen ist
Die BIBB-Ergebnisse beschreiben eine Entwicklung. Sie liefern noch keinen allgemeinen Standard für KI-Regeln im Ausbildungsbetrieb. Werkzeuge, betriebliche Vorgaben und rechtliche Bewertungen verändern sich zudem schnell.
Ein sinnvoller Start ist deshalb klein: Wähle eine wiederkehrende Lernaufgabe, lege den erlaubten KI-Einsatz fest und ergänze eine fachliche Kontrolle. Prüfe danach gemeinsam mit den Auszubildenden, ob die Aufgabe mehr Verständnis oder nur schneller einen fertigen Text erzeugt hat. Erst wenn diese kleine Aufgabe funktioniert, lohnt sich die Übertragung auf weitere Ausbildungsbereiche.